Dankbarkeit – oder: Warum ich morgens schon auf 180 bin
Es gibt Tage, da wache ich auf und bin sofort leicht gereizt. Ohne Anlass. Ohne Ereignis. Einfach so. Meine Zündschnur ist dann ungefähr so lang wie meine Geduld im Münchner Berufsverkehr – also quasi nicht existent.
Das Unfaire dabei: Diese Laune bleibt nicht brav bei mir. Sie sucht sich ihren Weg nach draußen und trifft gerne Menschen, die absolut nichts dafür können. Klassiker: Ich bin vom Leben genervt, also bekommt es irgendjemand ab, der einfach nur nett „Guten Morgen“ sagt. #stolzaufmich (*nicht)
Und dann fahre ich in den Urlaub.
Plötzlich bin ich entspannt. Freundlich, gut gelaunt, fast schon angenehm im Umgang. Ich lasse Dinge stehen, atme durch und denke mir irgendwann: Ach krass, stimmt. Ich kann ja auch normal. Bin ich vllt. doch kein Psycho? Die Version von mir, die nicht permanent innerlich seufzt und die Augen verdreht.
Das führt zu einer unbequemen, aber ziemlich klaren Erkenntnis: Ich bin nicht grundsätzlich ein Miesepeter. Ich bin einfach sehr konsequent gestresst im Alltagsstress.
Dankbarkeit – kein Zauber, kein Zen, kein Bullshit
Eigentlich habe ich allen Grund, zufrieden zu sein. Mein Leben ist okay. Mehr als das. Ich habe mir vieles selbst aufgebaut, habe Möglichkeiten, Freiheiten und Optionen. Nur vergesse ich das erstaunlich zuverlässig, sobald Kleinigkeiten nicht so laufen wie geplant.
Dankbarkeit ist für mich deshalb kein großes Lebenskonzept, sondern eher eine Art mentaler Reset-Knopf. Kein Räucherstäbchen, kein Mantra, kein „Alles passiert aus einem Grund“. Einfach kurz innehalten und feststellen: So schlimm ist es doch gerade eigentlich nicht.
Entwarnung: Keine 3-Stunden-Morgenroutine
Keine Sorge: Ich werde nicht anfangen, morgens drei Stunden früher aufzustehen, um zu journaln, zu meditieren, mir Masken aufzulegen und mein inneres Kind zu umarmen. Das wäre unrealistisch – und würde meine Laune vermutlich verschlechtern.
Was realistischer ist: Nach dem Aufwachen einmal kurz nachdenken. Zwei, drei Minuten. Was läuft gut? Wofür bin ich dankbar? Ohne Buch, ohne App, ohne Selbstoptimierungs-Abo.
Vielleicht starte ich dann nicht direkt mit innerlichem Augenrollen in den Tag. Vielleicht überleben meine Mitmenschen den Morgen dann auch emotional unbeschadet.
An mir arbeiten – weil andere nichts dafür können
Ich will an mir arbeiten. Nicht, weil ich mich neu erfinden will, sondern weil meine schlechte Laune nicht das Problem anderer sein sollte. Ein bisschen mehr Dankbarkeit könnte helfen, den inneren Choleriker etwas leiser zu drehen.
Kein neues Ich. Keine Erleuchtung. Kein perfekter Morgen.
Nur der ehrliche Versuch, mir selbst öfter zu sagen: Läuft doch eigentlich ganz okay. Und das reicht fürs Erste.